Handel und Verkehr

Ardez  Valmala  c Michael Leibacher

Insgesamt 22 Silvrettapässe und –jöcher verbinden das Montafon mit dem Prättigau und dem Engadin. Diese wurden unterschiedlich genutzt: Der Handel spielte eine wichtige Rolle, vor allem da es eine grosse Zeitersparnis bedeutete, über die Pässe zu säumen. Ausserdem konnten so Zollstellen vermieden werden und damit Geld gespart werden. Viehhandel und das Aufkommen von verschiedenen Viehmärkten stärkten den Bedarf für eine schnelle Überquerung und eine günstige Transportmöglichkeit. Die Nachfragen nach Vieh, Wein und Getreide stiegen auf beiden Seiten und mehr Ware musste transportiert werden. 

Die Pässe wurden aber nicht nur zum legalen Warenverkehr genutzt. So entstand ab dem 19. Jahrhundert ein illegaler Warenverkehr und Schmuggler nutzen die Wege in Dunkelheit und Abgeschiedenheit um Güter wie Kaffee, Zucker oder ähnliches zu transportieren. Auch Flüchtlinge nutzen die Pässe. Sowohl Schweizer, als auch Österreicher flüchteten  vor der Rekrutierung durch die Armee und während des 2. Weltkrieges flohen viele Juden und andere Gefährdete über die Pässe in die Schweiz. 

Ab dem 20. Jahrhundert wurde dann die Bedeutung der Gebirgspässe immer weniger. Der Ausbau des Strassennetzes führte zu einer Besiedlung der Talböden, die für den Strassenbau gerodet wurden. 

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Die benachbarten Täler waren lange Zeit durch Austausch und Handel eng miteinander verbunden. Die eng beieinander liegenden Talschaften Montafon, Prättigau, Paznaun und Engadin hatten viel gemeinsam, doch kulturell, religiös und sprachlich gab es erhebliche Unterschiede. 

Eine hohe Anzahl an Silvrettapässen und –jöcher erlaubte eine erhöhte Mobilität, doch diese war erschwert durch die Begebenheiten der Wege. Zwischen dem Montafon und dem Prättigau wurden Pässe vor allem für den Warenaustausch mittels Saumverkehr genutzt, Vieh- und Pferdehändler nutzen das Schlappiner Loch um Nachfrage nach dem Vieh in der Lombardei zu befriedigen. Weinsäumen kam in Mode, nachdem Graubünden das Veltins eroberte, gleichzeitig stieg in Graubünden die Nachfrage nach Getreide aus dem schwäbischen Raum. Wahre Heldengeschichten sind den Schmugglern  der damaligen Zeit gewidmet, da diese der Bevölkerung zu Gütern wie Kaffee, Tabak oder Zucker verhalfen. Die Pässe wurden aber auch zur Flucht von Personen genutzt, zwischen Österreich und der Schweiz vor allem, weil auf beiden Seiten junge Männer dem Einzug durch die Armee entgehen wollten. Aber auch während des 2. Weltkrieges flohen viele Verfolgte in die Schweiz. 

Die Alpwirtschaft fand zum ersten Mal 1089 Erwähnung. In den damaligen Verträgen wurden vor allem in Bezug auf das Thema Verkehr harte Vorschriften erlassen: So mussten die Älpler ihre Wege zur Maiensäss und Alpen selber herstellen und diese auch auf eigene Kosten in Stand halten. Diese Wege wurden dann aber nicht nur zum Viehtrieb genutzt, sondern über das Zeinisjoch wurde zum Beispiel Salz aus Hall transportiert. Verstärkte Bedeutung kam auch der Flucht von Talbewohnern ins Gebirge aus Angst vor Krankheiten zu. Viele andere nutzen die Strecke vom Montafon nach Paznaun als niedrigsten Übergang. Auf dem Zeinisjoch ganz oben gibt es zusätzlich noch die Rearkapalli: Dorthin wurden Kinder gebracht, die von ihren Eltern ins Schwabenland zum Arbeiten geschickt wurden. Reara heisst weinen und so lassen sich herzzerreissende Szenen ableiten, die sich hier beim Abschied abgespielt haben müssen. 

Siedlungsgeschichte lässt sich auch verstärkt mit der verkehrsgünstigen Lage und der guten Anbindung erklären. So ist es nicht verwunderlich, dass Ortschaften im tieferen sonnenseitigen Unterengadin älter sind als jene im Paznauntal. Der leichte Zugang und der Durchgangscharakter war äusserst hilfreich für den Handel, doch bot den Engadiner Bauern wenig Raum für die Ausbildung einer Almenzone. Zur Sömmerung dann ging man über den Pass in Richtung Paznaun.

Die Bedeutung der Gebirgspässe für den Handelsverkehr lässt sich schwer nachvollziehen, da schriftliche Aufzeichnung weitgehend fehlen. Es gilt als erwiesen, dass viele Kaufleute lieber die schwerer gangbaren, aber dafür zollfrei passierbaren Gebirgspässe in Kauf nahmen, als die Zollstätten an Hauptverkehrswegen zu bezahlen. Weiterhin scheint es viele Beschwerden über die Zustände der Wege und der Strassen gegeben zu haben und die Wege wurden von vielen Säumern als gefährlich eingeschätzt. Dies war aber vor allem auf die längeren Handelsstrecken von Italien nach Deutschland bezogen: der Nah- und Ortsverkehr war bedeutend wichtiger, dementsprechend besser ausgebaut und galt vor allem dem Viehhandel.

Schwankungen in der Verkehrsintensität, die immer wieder auftraten und verschieden stark waren, werden vor allem klimatischen Veränderungen und damit einhergehenden Gletscherschwankungen zugeschrieben. Gleichzeitig muss man aber auch davon ausgehen, dass der Umfang des Waren- und Viehtransits schwankend war. 

Quelle: Dieter Petras (2012)

Persönlicher Kontakt

Urs Wohler
Direktor
Tel. +41-81-861 88 02
u.wohler@engadin.com 

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Auf einen Blick

Hier finden Sie neue Informationen auf einen Blick.

  • Wanderleiter-Schulung August 2013: Zusammen mit Dr. Thomas Reitmaier und Dr. Benno Furrer haben die Wander- und Bergführer der Region Engadin Scuol Samnaun Val Müstair eine Informationsveranstaltung besucht.
  • Neue Publikation: Silvretta Historica - Zeitreise durch die Silvretta (2013)
  • Mehr Informationen zum Ferienort Ftan, besonders im Bezug auf Archäologie und Geschichte, finden Sie in der Ortsbroschüre Ftan
  • Alle wichtigen Ergebnisse finden Sie hier in der Zusammenfassung (PDF) von Thomas Kaiser