Leben in der Silvretta

Ardez-Valmala-Sennhuette  c Benno Furrer

Die Silvretta als Siedlungsgebiet hat einige Veränderungen durchlaufen, seit es im Mittelalter nicht in Territorien, sondern in Personenverbände unterteilt war. Wo damals noch Nachbarn unterschiedlichen Gesetzen unterstellt sein konnten, kam dann im 16. und 17. Jahrhundert noch eine konfessionelle Spaltung hinzu. Diese trieb verschiedene Konflikte  zwischen Graubünden und Österreich voran.

Erst 1652 kaufte man das Prättigau, dann auch das Unterengadin von Österreich frei. Doch folglich begannen Konflikte um die Nutzung der Alpen. Ein Bevölkerungswachstum hatte zur Folge, dass die Produktion intensiviert werden musste. So entstand ein Konkurrenzkampf um umliegende Alpen. Trotz weiterer Produktionsflächen gab es dennoch Hungerkrisen. So kam es zu einer erhöhten Abwanderung aus dem Engadin in verschiedene Regionen: Landwirte, Bauarbeiter, Dienstleister und Zuckerbäcker wanderten ab, was zu einer momentanen Entlastung führte. Trotzdem erholte sich die wirtschaftliche Situation nicht sonderlich, sodass viele Leute mehrere Berufe ausübten. Was folgte war ein Verbot für Frauen als Sennin zu arbeiten, damit auch sie auf den Alpen Unterstützung leisten konnten.

Im 20. Jahrhundert gab es dann vor allem strukturelle Veränderungen in den Regionen: neue Baumaterialen, verbesserte Infrastruktur und neue technische Möglichkeiten führten zu neuen Dorfstrukturen. Noch heute gibt es zahlreiche Einflüsse, denen die Silvretta ausgesetzt ist: Tourismusboom, Nutzung der Wasserkraft, ein erhöhtes Verkehrsaufkommen etc. lassen eine gesellschaftliche Entwicklung deutlich widerspiegeln. 

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Die damaligen Grenzen der Silvretta waren sehr schwierig zu bestimmen. Menschen im Mittelalter dachten nicht in Territorien, sondern in Personenverbänden. So kam es, dass Menschen verschiedenen Personenverbänden angehörten, demnach auch unterschiedlichen Rechtssystem verpflichtet waren und an verschiedene Grundherren Abgaben zu leisten hatten, aber dennoch nächste Nachbarn waren. Somit war es damals auch schwierig, Alpen oder andere grossräumige Gebiete zuzuordnen und es gab in historischen Aufzeichnungen einige Verwechslungen. Erst im Jahr 1610 wurden linienhafte Territorialabgrenzungen eingeführt,  da der Übergang vom Personenstaatenverband hinzu einem institutionellen Staatsgebilde mit positivem Rechtswesen gefordert wurde. Erste Niederlassungen der Walser im inneren Paznaun werden um das Jahr 1320 datiert.  

Neben der hohen Nutzung der Silvretta als strategische Hürde zu den Feinden, wurden die Verhältnisse rund um die Silvretta durch die konfessionelle Spaltung im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts belastet. Während das Engadin nach und nach zum reformierten Glauben überkehrte, wurden die Montafoner nach einer Zeit wieder katholisiert, sodass spätestens ab 1600 eine eindeutige konfessionelle Grenze zwischen dem katholischen Montafon und dem reformierten Graubünden gelegen hat. Auf den Handel hatte das keine negativen Einwirkungen. Doch in den 1620er Jahren dann, kam es zu zahlreichen Konflikten zwischen Graubünden und Österreich im Zuge der Wirren des 30jährigen Krieges: Im Unterengadin wurden zahlreiche Dörfer niedergebrannt und 1621 rückte das habsburgische Militär über die Montafoner Pässe in Graubünden ein und führte eine kompromisslose Gegenreformation durch. 1622 gab es den Gegenstoss von Seiten der Engadiner, die über die Pässe in Montafon und Paznaun einfielen und dort plünderten und zerstörten. Erst 1652, nach zahlreichen Unruhen, gegenseitigen Plünderungen und mehrfachen Seuchen konnte erst das Prättigau, dann auch das Unterengadin von Österreich gekauft werden. 

Häufigste Konflikte der Bewohner selber waren damals um die Nutzung der Alpen im Gebirge. Diese wurden vermehrt ab dem 15. Jahrhundert festgehalten. Aus Aufzeichnungen wird klar, dass Engadiner immer öfter Teile ihrer Alpen an Bauern aus dem Norden verpachteten, dabei spielten wohl wirtschaftliche und familiäre Gründe eine Rolle. Konflikte, wie Streitigkeiten, gewaltsame Viehpfändung und tätliche Auseinandersetzungen entstanden vor allem auch aus den unterschiedlichen Rechtslagen den Verkauf betreffend und aus Missgunst bezüglich verschiedener Lebensstandards. Solche Agrar-Konflikte zeigen die grosse Bedeutung der Berglandwirtschaft für die Bevölkerung in dieser Zeit. Aufgrund von einer Zunahme der Bevölkerung und schlechteren Bedingungen, mussten landwirtschaftliche Tätigkeiten intensiviert werden und bedurften deshalb auch mehr Fläche. 

Doch zu sehr konnte die Bevölkerung aufgrund der Verfügbarkeit von Boden nicht wachsen. Durch Abwanderungen oder Hungerkrisen relativierte sich diese teilweise selbst. Durch die grössere Aufteilung ergab sich eine saisonale Arbeitsmigration, die verschiedenste Bereiche wie landwirtschaftliche Tätigkeiten, Berufe im Bauwesen oder Beschäftigungen im Dienstleistungsbereich als Zuckerbäcker oder Wanderhändler abdeckte. Im 19. Jahrhundert erreichte diese Form der Migration den Höhepunkt. Für die agrarisch geprägte Gesellschaft in der Silvretta ist es typisch geworden mehrere berufliche Tätigkeiten auszuüben. Doch die Einstellung zu arbeitenden Frauen hat sich trotz des sichtbaren Bedarfs für mehr Haushaltseinkommen nicht geändert: obwohl in der früheren Neuzeit viele Frauen als Senninnen arbeiteten, wurde 1792 ein Verbot zur Anstellung der Frau als Sennin erlassen. Erst 12 Jahre später folgte die Erklärung: Frauen waren durch die Abwanderung der Männer auf den Alpen als Arbeitskraft gebraucht. 

Extreme Veränderungen kamen dann zuletzt im 20.Jahrhundert, mit der Einführung neuer Baumaterialen, veränderten Dorfstrukturen, neuen technischen Möglichkeiten und der verkehrstechnischen Erschliessung. Eine Flächenumnutzung war die logische Folgerung. Im Talbereich wurde die stärkste Veränderung vollzogen: die Siedlungsflächen breiten sich aus und bauliche Massnahmen griffen in das Landschaftsbild ein. 

Bis heute gibt es zahlreiche Einflüsse, denen die Silvretta ausgesetzt ist und die das Gebiet massiv beeinflussen: Nutzung der Wasserkraft, der Tourismusboom, die Zunahme des Verkehrs, die verstärkte Zersiedlung und die Intensivierung landwirtschaftlicher Produktion. Das lässt fortlaufend eine entsprechende gesellschaftliche Entwicklung widerspiegeln.

Quelle: Michael Kasper (2012)

Persönlicher Kontakt

Urs Wohler
Direktor
Tel. +41-81-861 88 02
u.wohler@engadin.com 

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Auf einen Blick

Hier finden Sie neue Informationen auf einen Blick.

  • Wanderleiter-Schulung August 2013: Zusammen mit Dr. Thomas Reitmaier und Dr. Benno Furrer haben die Wander- und Bergführer der Region Engadin Scuol Samnaun Val Müstair eine Informationsveranstaltung besucht.
  • Neue Publikation: Silvretta Historica - Zeitreise durch die Silvretta (2013)
  • Mehr Informationen zum Ferienort Ftan, besonders im Bezug auf Archäologie und Geschichte, finden Sie in der Ortsbroschüre Ftan
  • Alle wichtigen Ergebnisse finden Sie hier in der Zusammenfassung (PDF) von Thomas Kaiser