Tourismus

Val Tasna  c Michael Leibacher

Die touristische Entwicklung im Norden und Süden der Silvretta hat mancherorts einen Wandel in der Landwirtschaft herbeigeführt. Im Süden entwickelte sich parallel zur traditionellen Wirtschafts- und Lebensweise der Einheimischen der Kur- und Bädertourismus, während in den nördlichen Tälern des Paznaun und des Monfaton der Tourismus von Anfang an breiter eingebunden war. Er erlaubte für viele ein Zusatzeinkommen zur traditionellen Landwirtschaft. Bei dem Ausbau der Infrastruktur legte die Energiewirtschaft im österreichischen Teil der Silvretta den Grundstein für den heutigen Massentourismus. 

Touristisch spielte die Silvretta im Unterengadin zunächst eine eher untergeordnete Rolle, erfolgte die alpinistische Orientierung doch von Anfang an eher Richtung Süden. Diesen Nachteil konnte das Unterengadin aber mit der Zeit aufholen und entwickelte sich zu einer ebenso attraktiven Tourismusdestination. 

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Seit dem 20. Jahrhundert spielt der Tourismus in der Silvretta-Region eine immer grösser werdende Rolle. Im 19. Jahrhundert noch peripher und berglangwirtschaftlich geprägt, entwickelte sich später in der südlichen Silvretta Kur- und Bädertourismus, während die touristische Entwicklung der beiden Täler Montafon und Paznaun vor allem durch den Ausbau der Energiewirtschaft geprägt wurde. Diese finanzierte hauptsächlich die touristische Infrastruktur mit, wie zum Beispiel die Schmalspurbahn von Schruns nach Partenen und ähnliches.

Doch bereits schon vorher begann eine Veränderung bei dem städtischen Bürgertum: Berge wurden als nicht mehr furchteinflössend, sondern als ästhetisch und gar herausfordernd betrachtet. Reisen galt als Hobby für Herren aus vornehmen Kreisen, die vor allem von wissenschaftlichem Interesse, Naturbegeisterung und sportlichem Ehrgeiz angetrieben wurden. 

Obwohl die Engadiner Dolomiten, vor allem aber das Engadiner Fenster in dessen Nähe,  viele Wissenschaftler in die Berge lockte, setzte das Interesse für die Gipfel der Silvretta erst später ein. Reisende, die nicht Säumer oder Händler waren, stellten eine Seltenheit im Montafon und Paznaun dar. Mitte des 19. Jahrhunderts war es dann endlich so weit und die namenhaften Bergpioniere bemühten sich um die Besteigung der höchsten Silvrettagipfel. Die Erstbesteigung des Piz Linard gelang schliessilch Oswald Heer. Unterstützt wurden er und die anderen Bergsteiger vor allem durch einheimische Jäger, Hirten und Bauern, die den Grundstock für die spätere Bergführerbranche darstellten. Ohne den etwas vorhergehenden Ausbau des Bädertourismus und der voranschreitenden Industrialisierung wäre dies nicht möglich gewesen: waren vorher doch die Vorurteile gegen Fremde viel zu gross gewesen. 

Durch verschiedene publizierte Wandererlebnisse weiss man heute, dass schon damals das Unterkommen in landwirtschaftlichen Nutzungsgebäuden keine Seltenheit war. Sowohl Bergsteiger wie auch Alppersonal sahen es schnell als Selbstverständlichkeit an, obgleich eine Bezahlung für Übernachtung und Brennholz von Anfang an nötig war. 

Eine kontinuierlich steigende Anzahl an Reisenden und Alpintouristen, liess die Leute sich schnell adaptieren. Sie nutzen diese Entwicklung kommerziell und manch einer schaffte es sogar sich eine Stammkundschaft für den Sommer aufzubauen. Gäste kamen aber nicht nur häufiger, sie wurden auch immer internationaler. So ist es kein Wunder, dass auch die internationalen Vereine den Bedarf für mehr Quartiere in den Alpen sahen und in Europa verschiedenste Alpine Vereine gegründet wurden. Je nach finanzieller Aufstellung und Ehrgeiz der Mitglieder wurden Alphütten errichtet, Wege präpariert oder Routen beschrieben. Beispiele für diese Entwicklung sind unter anderem die Hütte im Jamtal (1882 erbaut) und die Heidelberger Hütte im Fimbertal (1889). Eine vergleichbare Entwicklung setzte auf der Schweizer Seite im Unterengadin etwas später ein, so wurde 1914 von privater Hand die Chammona Tuoi errichtet. 

Ab Ende des 19. Jahrhunderts wuchs dann auch das Interesse für die Berge über den Sommer hinaus: um diesen Bedarf zu befriedigen, wurden Gäste auch auf die Möglichkeiten des Winters, vor allem auf das milde Klima, hingewiesen. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckte man dann die Berge auf Skiern ganz neu. Nach der Entwicklung der Stahlsohlenbindung und dem damit einhergehenden Fortschritt wurden in bürgerlichen Kreisen Skiclubs gegründet und Skirennen veranstaltet. Um dem zunehmenden Gästeaufkommen gerecht zu werden, erlernten viele der Einheimischen, die Bergführer im Sommer waren, nun auch Skifahren und konnten so ganzjährige Beschäftigung finden. 

Im Laufe der Nachkriegszeit entwickelten sich Orte rund um die Silvretta, wie zum Beispiel St. Gallenkirchen, Galtür und Ischgl zu modernen Skiorten und wenig später zeigte sich eine ähnliche Entwicklung im Engadin mit der Eröffnung des Skigebietes Motta Naluns in Scuol. 

In späterer Zeit konnten Einheimische dann gar eine Rückentwicklung des sportlich animierten Tourismus` feststellen: Leute kamen mehr und mehr wegen dem Panorama, dem gastronomischen und dem touristischen Angebot wie motorisierten Ausflugsfahrten oder einer Luxus-Hotel-Nächtigung, nicht aber mehr wegen des sportlichen Angebots. Dies hatte nicht nur positive Folgen: Natürlich bot der Tourismus für viele Leute eine Lebensgrundlage und ermöglichte eine Verbesserung der finanziellen Lebenssituation, doch verlangte der stetig wachsende Wirtschaftszweig auch einen Wandel im Lebensstil der Einheimischen. Mit der Zeit lernte man aber Einschränkungen zu machen und Grenzen zu setzen, was unter anderem den Bau eines geplanten Gletscherskigebietes im Jamtal verhinderte. 

Heute noch findet man beide Arten von Touristen in der Silvrettaregion: einerseits die Bergsport-Touristen, deren Bedürfnis nach Individualismus und Abgrenzung gegenüber dem Massentourismus gross ist und anderseits die Skitouristen, die die touristische Infrastruktur geniessen und gerne nutzen. 

Quelle: Dr. Edith Hessenberger (2012)

Persönlicher Kontakt

Urs Wohler
Direktor
Tel. +41-81-861 88 02
u.wohler@engadin.com 

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Auf einen Blick

Hier finden Sie neue Informationen auf einen Blick.

  • Wanderleiter-Schulung August 2013: Zusammen mit Dr. Thomas Reitmaier und Dr. Benno Furrer haben die Wander- und Bergführer der Region Engadin Scuol Samnaun Val Müstair eine Informationsveranstaltung besucht.
  • Neue Publikation: Silvretta Historica - Zeitreise durch die Silvretta (2013)
  • Mehr Informationen zum Ferienort Ftan, besonders im Bezug auf Archäologie und Geschichte, finden Sie in der Ortsbroschüre Ftan
  • Alle wichtigen Ergebnisse finden Sie hier in der Zusammenfassung (PDF) von Thomas Kaiser