Ein kleines Dorf spielt gross auf

Ils Fränzlis da Tschlin

Madlaina Janett auf einem Bänkli mit Ausblick auf das Engadiner Dorf Tschlin.
Tschlin. Ein 150-Seelen-Dorf am unteren Ende des Engadins. Traumhaft gelegen auf einer Sonnenterrasse mit imposanter Aussicht. Bekannt für seine Bierbrauerei und köstlichen Produkte von «Bun Tschlin». Und dann gibt es noch «Ils Fränzlis da Tschlin», die den Dorfnamen in die Schweiz hinaustragen – oder vielmehr hinausmusizieren.

Ils Fränzlis da Tschlin sind eine bekannte Volksmusikgruppe. Sie spielen typische Ländlerstücke, aber ohne Handorgel oder Schwyzerörgeli, sondern nur mit Streich- und Blasinstrumenten, was ihrer Musik einen eigenen Klang verleiht. Sie nennen es den Fränzlisound.

Die Familie Janett aus Tschlin

Ebenfalls besonders ist, dass alle Bandmitglieder auf den Namen Janett hören. Denn die Fränzlis da Tschlin sind eine reine Familienband, bestehend aus zwei Brüdern und ihren Töchtern.

Familienband «Il Fränzlis da Tschlin».

Eine Zweigenerationenband

Madlaina (links im Bild) spielt Bratsche. Daneben sitzt ihr Vater Curdin, Bandleader und Taktgeber am Kontrabass. Die nächste ist Cristina, Cellistin und Madlainas jüngere Schwester. Es folgen Anna Staschia (Geige) und ihr Vater Domenic (Klarinette). Sie sitzen in der Chasa Muttler, ein ehrwürdiges Engadinerhaus direkt am Dorfplatz von Tschlin, wo Curdin und Domenic aufgewachsen sind.

Ils Fränzlis da Tschlin mit Familie und Freunden.

Mit dem Charme des Unterengadins

Viele Jahre war die Chasa Muttler mit den grünen Fensterläden eine Pension mit Restaurant. Hier spielte sich über Generationen das Kulturleben des Dorfs ab. Heute ist das Haus Rückzugsort und Ferienhaus der Familie Janett, um zu muszieren, zu komponieren und sich vom einzigartigen Charme des Unterengadins inspirieren zu lassen – oder um Tschlin in eine Filmkulisse zu verwandeln.

Tschlin ist ein Ort, wo wir gerne komponieren und musizieren.

Madlaina Janett

Die Fränzlis in Tschlin, wo sie gerne komponieren und musizieren.

Denn für das Projekt «Tschlin retour» haben die experimentierfreudigen Fränzlis Verwandte, Freunde und musikalische Wegbegleiter nach Tschlin geladen, um Filmszenen für ihre Bühnenshow zu drehen.

Wie man «Cinemaphon» spielt

Auf der Bühne stehen die Fränzlis dann neben einer grossen Leinwand und spielen live zum Film – mehr oder weniger passend. Das Amüsante ist nämlich, dass sie ins Filmgeschehen eingreifen können. Auf Knopfdruck lassen sie zum Beispiel Leute ein- und ausblenden oder den Ort und die Szenerie wechseln.

Aufnahmen für die Fränzli-Tournee «Tschlin retour»
Uns ist wichtig, keine Scheuklappen zu haben und Neues zu probieren.

Madlaina Janett

Auch kann es vorkommen, dass ein Musikant plötzlich aus dem Bild läuft, um in Fleisch und Blut auf der Bühne zu erscheinen. Auf diese Weise spielen die Fränzlis nicht nur mit ihren Instrumenten, sondern mit sich selbst und dem Dorf Tschlin. Und sie lassen dabei auch Klassik- und Jazz-Elemente in ihre volkstümliche Musik einfliessen.

Madlaina Janett in Tschlin.

Dem Publikum etwas bieten

«Uns ist wichtig, keine Scheuklappen zu haben und immer wieder neue Dinge auszuprobieren», sagt Madlaina Janett. «Nicht um damit eine Revolution anzuzetteln, sondern einfach, weil wir dem Publikum Unterhaltung bieten wollen.» Die Bratschistin hat die ehrenvolle Aufgabe, die Konzerte der Fränzlis da Tschlin zu moderieren, und sie ist so etwas wie die Mediensprecherin der Familienband.

Madlaina Janett im Haus Muttler in Tschlin.

Aufgewachsen ist Madlaina in Sulgen im Kanton Thurgau, zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Cristina und Niculin, dem jüngeren Bruder. Der Vater war und ist Berufsmusiker, die Mutter Kindergärtnerin und Flötenlehrerin. «Musik war in der Familie nie etwas Ideologisches, sondern einfach da», sagt sie. «Überall lagen Instrumente herum, auf denen wir Kinder herumfuhrwerken durften. Das machte Spass und war ganz normal. Musikunterricht folgte dann wie automatisch.»

Musik war einfach da und ganz normal für uns Kinder.

Madlaina Janett

Madlaina Janett auf einem Bänkli mit Ausblick auf die Engadiner Bergwelt.

 

Tschlin ist für Madlaina ihr zweites Zuhause. Denn hier hat sie von klein auf ihre Ferien verbracht, als Grossfamilie zusammen mit Cousinen und Cousins, Onkel und Tanten, die allesamt musikalisch versiert sind.

Musikerin, Illustratorin, Tourneemanagerin

«Ich mag das lebendige und ursprüngliche Dorf, die Berglandschaft und die romanische Sprache. Wenn ich in Tschlin bin, rede ich mit allen Leuten Romanisch», sagt die vielseitige Madlaina, die mittlerweile in Zürich lebt. Sie arbeitet als freischaffende Illustratorin und als Tourneemanagerin beim Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester. Daneben eilt sie als Musikerin von Probe zu Probe und von Auftritt zu Auftritt.

Madlaina Janett am Wandern in Tschlin.

Plötzlich Zeit für die Berge

«Viele Jahre war ich ständig unterwegs und hatte deswegen nur wenig Zeit, um in Tschlin zu sein und die schöne Natur zu geniessen. Doch als Corona kam, hatte ich plötzlich freie Zeit», erzählt die Musikerin. «Diese nutzte ich, um endlich einige Berge oberhalb Tschlin zu besteigen. Ich war auf dem Piz Malmurainza und auf dem Piz Salèt. Was für eine Aussicht und Ruhe! Grossartig, aber auch anstrengend und herausfordernd. Denn es führt kein Wanderweg hoch, auch wenn Jäger etwas anderes behaupten mögen.»

Eine Bergtour im Unterengadin ist unvergesslich schön.

Madlaina Janett

Madlaina Janett spielt Bratsche.

Warum nicht Bratsche

Madlaina spielt verschiedene Instrumente und meint, sie sei mehr die Allrounderin als die Virtuosin. Lange war Klavier ihr Hauptinstrument. Mit Bratsche begann sie, weil auch sie in einem Orchester mitspielen wollte. «Meine Schwester und Cousine spielten bereits Cello und Geige; also habe ich gedacht, eine Bratsche komplettiert das Ganze.»

Möchten Sie Madlaina Janett und die Fränzlis da Tschlin live erleben? Premiere von «Tschlin retour» ist am 13. April 2022 im Theater Chur. Danach gehen die Fränzlis auf Tournee und gastieren am 26. Juni in Zuoz, am 4. September in Sils Maria, am 7. Oktober in Samedan und am 6. November in Sent.

Madlaina Janett mit ihrer Bratsche.

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Die Geschichte der Fränzlis da Tschlin

Alte Formation der «Il Fränzlis da Tschlin».

Ils Fränzlis da Tschlin bestehen seit 1982 in wechselnder Besetzung. Vorbild und Namensgeber war der blinde Geiger Franz-Joseph «Fränzli» Waser (1858 – 1895). Er stammte aus Chaflur, unweit von Tschlin, und spielte zusammen mit seinen Brüdern und Kumpanen im ganzen Engadin zum Tanz auf. «Fränzli» Waser muss dabei so meisterhaft Geige gespielt haben, dass er in all den Jahren nie in Vergessenheit geriet.

Den Sound Engadins wiederaufleben lassen

Schliesslich war es Men Steiner aus Scuol, der anfangs 1980er die Idee hatte, den «Fränzlisound» für ein Schallplattenprojekt wiederaufleben zu lassen. Er liess einige Musiker zusammentrommeln, darunter die Gebrüder Janett, um Engadiner Musik des ausgehenden 19. Jahrhunderts aufzunehmen – im alten Stil, nur mit Streicher und Bläser.

Erfolgreich in der ganzen Deutschschweiz

Es existieren zwar keine Tonaufnahmen von den Ur-Fränzlis, doch viele Legenden und einige Fotografien. Inspiration genug, um sich auszumalen, wie ihre Musik geklungen haben könnte. Vorgesehen war lediglich eine einmalige Zusammenkunft; doch im Fränzlistil zu fiedeln und zu dudeln, machte den Musikern dermassen Spass, dass sie anfingen Konzerte zu geben. Und schon bald traten «Ils Fränzlis da Tschlin» erfolgreich in der ganzen Deutschschweiz auf.

Wie die Frauen die Oberhand gewannen

Die Brüder Curdin und Domenic Janett waren von Anfang an dabei. Madlaina Janett übernahm 2001 den Bratschistenposten von Flurin Caviezel. Die Cellistin Cristina Janett ersetzte 2012 den Kornettisten Duri Janett (ebenfalls ein Bruder und Onkel). Und seit Anna Staschia Janett 2014 den Geigenpart von Bandgründer Men Steiner übernommen hat, bilden die Frauen die Mehrzahl bei den Fränzlis. Übrigens: Dass man ein Kornett mit einem Cello ersetzen kann, hat selbst die Fränzlis überrascht, doch tönen tut’s nach wie vor «schmaladi bun».

 

Text: Franco Furger
Video: OnAir AG
Bilder: Andrea Badrutt, Chur & Kulturarchiv Oberengadin