Andri Poo

Bergbahndirektor mit Herz und Verstand

Nur Skifahren ist schöner. Andri bei der Abfahrt vom Piz Spadla.
Andri Poo ist ein Naturmensch, der sich gerne bei einer Skitour erholt. Als Chef der Bergbahnen Scuol trägt er viel Verantwortung: Wirtschaftlich, ökologisch und sozial. Wie geht er mit diesem Spannungsfeld um?

Elegant reiht er Schwung an Schwung in den weichen Schnee. Skifahren ist für Andri Poo der schönste Sport der Welt. «Ich liebe das Gleiten, den Rhythmus, die Geschwindigkeit – ein einmaliges Gefühl.» Heute hat er mit seinen Tourenskis den 2911 Meter hohen Piz Spadla bestiegen. Die traumhafte Abfahrt führt direkt zu seinem Wohnhaus in Sent.

Skifahren als Beruf und Berufung

Andri kennt den Skisport aus vielen Perspektiven: als Skilehrer, als Ausbildungschef bei Swiss Snowsports, als Bergführer, als Vorstandsmitglied des lokalen Skiclubs oder als Direktor der Bergbahnen Scuol, seine aktuelle Berufsposition. Er ist in Sent aufgewachsen und stark mit seiner Heimat verwurzelt. Neben seiner Arbeit als Bergbahndirektor engagiert sich der Vater von zwei Töchtern im Kulturverein, im SAC und er war als Gemeinderat auch politisch tätig.

Bergführer, Bauingenieur, Bergbahndirektor: Andri ist ein vielseitiger Mann.

Schutz und Nutzung der Natur

«Ich habe mich entschieden, hier zu leben und zu arbeiten, da mir eine nachhaltige Entwicklung der Region am Herzen liegt», sagt Andri. Nachhaltigkeit bedeutet für ihn, die Natur zu bewahren und zu schützen, aber auch das wirtschaftliche und gesellschaftliche Wohlergehen des Tals sicherzustellen. Als Chef der Bergbahnen, die im Winter rund 150 Personen beschäftigen, trägt er eine besondere Verantwortung in diesem Spannungsfeld zwischen Schutz und Nutzung der Natur.

Andri Poo setzt auf ressourcenschonende Abläufe.

Wie man effizient beschneit

Ein gutes Beispiel ist die technische Beschneiung. Als Bergbahndirektor ist ihm eine schlagkräftige Schneeanlage wichtig, gleichzeitig achtet er auf effiziente und ressourcenschonende Abläufe. «Es geht darum, nur so viel Schnee zu produzieren, wie wir tatsächlich benötigen, und den Schnee mit möglichst wenig Pistenmaschinenstunden zu bearbeiten.»

Wir produzieren nur so viel Schnee, wie wir tatsächlich benötigen.

Schneemanagement mit GPS

Deshalb verwenden die Bergbahnen Scuol ein GPS-gesteuertes Schneemanagement-System. Der Pistenmaschinenfahrer hat in seiner Fahrzeugkabine einen Bildschirm, der zentimetergenau anzeigt, wie viel Schnee zwischen seinem tonnenschweren Gefährt und dem Untergrund liegt. Vier Sensoren messen permanent die Höhe der Pistenmaschine, der Computer vergleicht die Messdaten mit den topgrafischen Geländeaufnahmen vom Sommer und kann so die exakte Schneehöhe an jedem Ort im Skigebiet ausrechnen.

Der Pistenmaschinenfahrer sieht exakt, wie viel Schnee unter seiner Maschine liegt.

Strom, Diesel und Stunden sparen

«Das System hilft uns Strom, Wasser, Diesel und Arbeitsstunden zu sparen. Es ist in erster Linie eine Frage der Wirtschaftlichkeit, doch der Umweltgedanke spielt natürlich auch hinein.» Scuol setzt seit 2013 auf dieses System, als eines der ersten Skigebiete der Schweiz. «Die Erfahrungen waren sehr hilfreich, um die Schneeanlage in den letzten Jahren optimieren und erweitern zu können», meint Andri, der seit 2017 als Direktor amtet. Inzwischen können rund 55 % der Pistenfläche technisch beschneit werden.

92 Prozent des Umsatzes erwirtschaften wir im Winter mit Skifahren und Snowboarden.

Das Wintergeschäft ist gut abgesichert

Eine hohe Schneesicherheit ist für die Bergbahnen Scuol von existenzieller Bedeutung. Denn rund 92 Prozent des Verkehrsumsatzes werden im Winter mit Skifahren und Snowboarden erwirtschaftet. Und diese Winterdominanz werde sich auch in Zukunft nicht massgeblich verändern, ist der Fachmann überzeugt – trotz Klimawandel. «Wir haben im Skigebiet eine gewisse Höhenlage und sind technisch gut aufgestellt. Das Wintergeschäft ist dadurch abgesichert. Eine offene Frage ist, mit welchen Zielen wir die Beschneiung der Talabfahrt erneuern werden; die Anlage nach Scuol ist bereits 19 Jahre alt.»

Am Computer kann Andri die produzierte Schneemenge auswerten.

Bewahren, was wir haben

Natürlich freut sich der Bergbahndirektor, wenn auch im Sommer viele Gäste mit der Bergbahn fahren. Doch er bleibt realistisch: «In einem guten Sommer befördern wir vielleicht 60‘000 Gäste, im Winter sind es über 300‘000.»

Wachstum erzielen um jeden Preis, ist eine Fehlüberlegung.

Zudem ist ihm wichtig, dass die Bergbahnen die Werte des Unterengadins mittragen. «Wir wollen den Gästen authentische und naturnahe Erlebnisse bieten.» Erlebnisparks, um das Sommergeschäft anzukurbeln, sind darum kein Thema für die Bergbahnen. Das würde nicht zu uns passen, sagt Andri. «Denn wir wollen nicht um jeden Preis Wachstum erzielen, sondern das erhalten, was wir haben.»

Die Sesselbahn ist bereit für den Tag.

Geschätzte Gutmütigkeit

Am Skigebiet schätzt Andri die Vielseitigkeit und familiäre Atmosphäre. «Unser Gebiet hat eine gewisse Gutmütigkeit, das schätzen unsere Gäste.» Seine Lieblingspiste ist natürlich die «pista dal sömmi» – die Traumpiste nach Sent. Weil sie so schön ist und weil sie direkt vor seinem Wohnhaus endet.

Andri auf seiner Lieblingspiste – la pista dal sömmi.

Wenn möglich fährt der Chef einmal pro Tag auf den Berg, um den Leiter des Pistendienstes oder die Gastronomiegastgeber zu treffen. Auch isst er gerne mit dem Personal zu Mittag. «Mir ist es wichtig, vor Ort zu spüren, was gut läuft und wo der Schuh drückt.»

Der persönliche Austausch mit seinen Mitarbeitern ist Andri wichtig.

Win-win-Situation mit der Landwirtschaft

Mit seiner offenen Art auf Menschen zuzugehen, hat er mit den Bauern von Ftan ein pionierhaftes Kooperationsprojekt in die Wege geleitet. Die Idee: Die Bauern könnten den Speichersee und die Beschneiungsleitungen nutzen, um Wasser für die Feldbewässerung zu beziehen. Die Bergbahnen würden im Gegenzug mehr Wasser erhalten, um den Speichersee im Herbst und Winter auf natürliche Weise füllen zu können. Eine Win-win-Situation, die nicht zuletzt der Umwelt dient: Die Bergbahnen benötigen weniger Strom, um Wasser in den Speichersee hochzupumpen, und die Bauern müssen keine neuen Wasserfassungen für ihr Bewässerungssystem erstellen.

Beschneiungsanlagen Bergbahnen Scuol

Abwärme des Gondelbahnmotors nutzen

Andri, der viele Jahre als Bauingenieur tätig war, sucht stets nach Optimierungen, um Energie zu sparen und den CO2-Ausstoss zu reduzieren. Noch viel Sparpotenzial sieht er bei der Nutzung von Abwärme. Schon heute werden die Garagen auf Motta Naluns mit der Abwärme des Gondelbahnmotors geheizt, doch die Anlage sei noch wenig effizient. Auch deshalb treibt Andri den Neubau der beiden Restaurants La Motta und La Charpenna voran. Dadurch könnte nicht nur das Gastronomieerlebnis aufgewertet, sondern die gesamte Bergstation energetisch saniert werden. Wenn alles nach Plan läuft, werden die neuen Restaurants im Dezember 2024 eröffnet.

Der weitaus grösste CO2-Ausstoss im Zusammenhang mit Skifahren erfolgt während der An- und Abreise.

Nachhaltige Optimierung der Bergbahnen Scuol

Klimaschutzprogramme unterstützen

Die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung ist für die Bergbahnen ebenfalls ein wichtiges Thema. Zudem beteiligen sie sich an Klimaschutzprogrammen von Protect our Winters oder myclimate. «Wir sind offen für solche Aktionen, da sie die Leute für die CO2-Problematik sensibilisieren. Viele sind sich zum Beispiel nicht bewusst, dass der weitaus grösste CO2-Ausstoss im Zusammenhang mit Skifahren während der An- und Abreise erfolgt.» Daher unterstützen die Bergbahnen Projekte, die den ÖV fördern.

Skitouren sind für Andri ein wichtiger Ausgleich zur Arbeit.

Mit den Tourenskis ins Büro laufen

Auch Andri verzichtet gerne mal aufs Auto und läuft öfters mit den Tourenskis zur Arbeit. Frühmorgens, wenn es noch dunkel ist, zieht er los. Um 8.00 Uhr steht er dann mitten im Skigebiet beim Bergrestaurant Alpetta, geniesst einen Kaffee und bespricht den Tag mit seinen Mitarbeitern – Andri Poo ist ein Naturmensch und leidenschaftlicher Skifahrer geblieben, auch als Bergbahndirektor.

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