Scuol, die Bäderkönigin der Alpen
Trink- und Badekuren im Engadin
Bereits 1369 hielt Vogt Ulrich von Matsch die Mineralquellen erstmals schriftlich fest. 1533 befasste sich der berühmte Arzt Paracelsus mit ihrer Wirkung, und der Zürcher Naturforscher und Universalgelehrter Conrad Gessner nannte sie 1561 ein «wahres Naturwunder». Im 19. Jahrhundert entwickelte sich daraus ein blühender Kurbetrieb für Gäste aus aller Welt, die für mehrwöchige Trink- und Badekuren anreisten. Neue Strassen und ab 1913 die Rhätische Bahn verkürzten die vormals beschwerliche Anreise um viele Stunden. In der Blütezeit zwischen 1864 und 1915 entstanden die meisten der imposanten Hotels und Kurhäuser der Region. Vor gut hundert Jahren war Scuol unter dem Namen Bad Schuls bekannt und galt als glamouröse «Bäderkönigin der Alpen». Viele Kurgäste kehrten jedes Jahr zurück – nicht nur der Gesundheit wegen, sondern auch wegen des geselligen Kurlebens. Mit der Eröffnung der Trinkhalle Büvetta Tarasp (1876) erhielt die Trinkkur ihren repräsentativen Mittelpunkt. Mit dem Bau des Mineralbades Bogn Engiadina Scuol (1993) begann schliesslich ein neues Kapitel der regionalen Bade- und Wellnesskultur.
Ein Glas, ein Spaziergang, ein Gespräch
Die Trinkkur: Curas da baiver
Die Trinkkur, auf Rätoromanisch «Curas da baiver», war das Herzstück des Kurbetriebs. Das Mineralwasser wurde nach damaliger Vorstellung in bestimmten Mengen und zu bestimmten Zeiten getrunken, während man zwischen den Schlücken in der Wandelhalle der Büvetta Tarasp oder im Kurpark spazieren ging. Die 1876 eröffnete Büvetta in der Innschlucht bei Nairs war der repräsentative Ort für die Trinkkuren. Hier wurden unter anderem die Quellen Lucius und Emerita gefasst. Die denkmalgeschützte Anlage nach Plänen des Architekten Bernhard Simon verband die Quellen mit Architektur und Kurgesellschaft. Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt liess sich in dieser Gegend inspirieren und schrieb an seinem Roman «Durcheinandertal».
Die Strenge der edlen Trinkkur
Trotz des Glanzes der Grandhotels und des Adelspublikums war eine Trinkkur im 19. Jahrhundert kein reines Verwöhnprogramm. Der Alltag verlangte eiserne Disziplin: Schon um 5 Uhr morgens mussten die Gäste aufstehen, um mit der Kur zu beginnen. Exakt vorgeschriebene Mengen Mineralwasser wurden schluckweise getrunken, unterbrochen von langen Promenadenfahrten oder Fussmärschen in der Wandelhalle, um die Verdauung anzuregen. Ein Arzt beschrieb den tagesfüllenden Kurplan als «nahezu mönchisches Leben» (Karin Fuchs, 2019).